Zur Zeit schreibe ich am vierten Teil der „Chronik der Gestrandeten“.
Hier ein kurzer Teaser:
Die Verwandlung
Dunkle Gewitterwolken zogen auf und beschleunigten die Abenddämmerung. Die Häuser der Stadt und die Anzüge ihrer Bewohner begannen heute früher zu leuchten als sonst. Ein Platzregen ging über der Freiluftzone nieder. Lachend flüchteten Wǒ und ihre Freunde in eines der umliegenden Gebäude, die für den häufigen Fall solcher Wetterkapriolen große überdachte Aufenthaltsräume boten.
Ein heftiger Blitzschlag, ohne Verzögerung gefolgt von krachendem Donner, machte die Unterhaltung im Saal für kurze Zeit unmöglich. Als der Lärm verhallt war, ging das muntere Geplauder ihrer Freunde ungetrübt weiter.
Doch Wǒ saß jetzt bewegungslos da und starrte hinaus in den dichten Regen. Die Freundin neben ihr sprach sie direkt an, und für einen Augenblick schenkte Wǒ ihr ein abwesendes Lächeln. Dann ging ihr Blick wieder hinaus durch die offenen Eingänge auf den regennassen Platz. Niemand nahm Notiz von ihrer Abwesenheit, und auch niemand bemerkte, wie Wǒ sich plötzlich erhob und sich befremdet umsah. Erst als sie sich entfernte, blickte ihre Sitznachbarin ihr kurz nach, wandte sich dann aber schnell wieder den anderen zu.
Wǒ trat hinaus in den Regen. Sie sah sich um. Die Straßen waren wie leergefegt, nur die schweren Tropfen sprangen wie kleine Männchen aus dem Wasser über dem leuchtenden Boden. Langsam begann sie, den Platz zu überqueren. Immer wieder blieb sie stehen, drehte sich langsam um ihre eigene Achse und schaute. Die Stadt hatte heute etwas … Beunruhigendes. Sie selbst hatte heute etwas Beunruhigendes. Noch nie war sie länger als nötig bei Regen im Freien geblieben. Niemand blieb bei Regen im Freien.
Warum war sie hier?
Das Wasser lief kalt über ihr Gesicht und in den Kragen ihres Anzugs. Das war unangenehm – aber gleichzeitig aufregend. Sie fragte sich plötzlich, ob sie etwas Verbotenes tat. Ihr fiel keine Antwort ein. Und plötzlich war auch die Frage wieder verschwunden.
